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(Die Schweizer Medizin und die AusländerInnen)
 
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== Die Schweizer Medizin und die AusländerInnen ==
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== Knappe Ausbildungsressourcen auch optimal bewirtschaften ==
 
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Die Angst vor "Überfremdung" macht auch nicht vor dem Medizinalbereich halt. Ob und wie weit die Schweiz ihre eigene Identität schützen soll und muss, möge in der politischen Diskussion ausführlichst diskutiert werden - dabei sollte aber nur mit Fakten argumentiert werden, die wirklich stimmen.
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Ist es wirklich so einfach: Mehr Ärztinnen und Ärzte = Abschaffung des Numerus clausus?
  
NICHT RICHTIG ist, dass die Medizin-Ausbildungsplätze in der Schweiz durch Personen aus dem Ausland "blockiert" werden. Die Schweiz hat [http://www.crus.ch/information-programme/anmeldung-zum-medizinstudium/vd/zulassung-auslaendischer-studienanwaerterinnen-und-anwaerter.html Zulassungsregeln zum Studium], welche den Zugang ausländischer Studierender ohne Bezug zur Schweiz (u.a. eigene Niederlassung oder die der Eltern, "schweizerische Verheiratung", 5 Jahre Wohnsitz und Arbeitsbewilligung). Die nebenstehende Grafik zeigt, dass wirklich vor allem SchweizerInnen in den Universitäten studieren - besonders in den Universitäten mit NC<ref> Mehr Details siehe [http://www.unifr.ch/ztd/ems/doc/Bericht18.pdf Bericht 18 des ZTD S. 11 ff]. In Genf gelten zusätzlich besondere Regelungen (Rücksicht auf Kinder der dort lebenden Diplomaten), dass der Ausländeranteil bei Doktoratsstudien zumindest etwas höher ist, sollte im Interesse der internationalen Vernetzung sogar ausgebaut werden, denn viele SchweizerInnen verlassen im Rahmen von Austauschprogrammen dann auch die Schweiz und lernen dort Neues.</ref>   
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Was eine Zulassung ohne Numerus clausus bei stetig steigenden BewerberInnenzahlen in der Schweiz im Fach Medizin bewirkt, ist bestens bekannt: In der Westschweiz (Genf, Lausanne, Neuenburg) gibt es keinen NC – die steigenden Zahlen der letzten Jahre führen dort aber nicht zu mehr Absolvent/innen, sondern zu mehr Abbrüchen des Studiums. Abbrüche müssen sogar „gefördert“ werden: Um das Studium dort mit ausreichender Qualität anbieten zu können, erfolgen verschärfte Prüfungen nach dem ersten Jahr, die wie ein versteckter Numerus clausus wirken müssen. Man muss aber wissen, dass hinter jedem Abbruch in der Regel 2 mindestens vergeudete Semester stehen (mit Repetitionen ggf. mehr) – vergeudet für die Studierenden und die Universitäten hinsichtlich der Betreuungskapazität.
Kleiner Länder mit der gleichen Sprache grosser Nachbarländer in der EU (Belgien, Österreich) haben es da schwerer. Weil es überall einen NC gibt, nutzen "NC-Flüchtlinge" dies als zweite Chance. Östereich sah sich zu einer Quotenregelung gezwungen (20% der Plätze für EU-Bürger, 5% für Nicht-EU-Bprger), die von der EU nur zeitweise "geduldet" wird und immer wieder vor der Abschaffung steht.
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In den am NC beteiligten Universitäten Basel, Bern, Freiburg und Zürich war man seit der Einführung von Zulassungsbeschränkung in der Lage, durch verbesserte Betreuungsverhältnisse Studienreformen so durchzuführen, dass die Bestehensquoten für die Vorprüfungen deutlich angestiegen sind. Heute ist für die Universitäten mit NC eine Quote um 80% Realität (die Prognose der OBSAN-Studie rechnet mit 60%). In Basel und Bern studieren sogar über 90% der Anfänger/innen noch nach der 2. Vorprüfung. Auch in Genf wurden Studienreformen durchgeführt, welche sicher nicht ohne positiven Einfluss auf die Studienqualität geblieben sind. An der Notwendigkeit der verschärften inneruniversitären Selektion nach dem ersten Jahr konnte diese Tatsache aber nichts ändern.
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Die Gesamtstrategie zur Erhöhung der Zahl medizinischer Grundversorger/innen muss an den richtigen Stellschrauben ansetzen und vor allem die nötigen Ausbildungskapazitäten schaffen (z.B. Klinik-kapazitäten), damit die Studierenden auch eine Chance haben, eine qualitativ ausreichende Ausbildung zu erhalten. Der NC ist dann ein Mittel der optimalen „Bewirtschaftung“ der vorhandenen Studienplätze für das teure Studium der Medizin. Die optimale Strategie müsste daher drei Faktoren berücksichtigen:
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#Festlegung des Bedarfs an Ärztinnen und  Ärzten
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#Schaffung der dafür notwendigen Ausbildungskapazitäten, vor allem Klinikkapazität
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#Entsprechende Zulassung Geeigneter, um  vorhandene Kapazitäten optimal auszunutzen
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Zur Abbildung rechts: '''Vom Anfängerjahrgang [Jahreszahl unter jedem Balken] der jeweiligen Universität haben bis Zwischenstand 2008 [gesamter Balken] % der Personen die erste Vorprüfung bestanden sowie [unterer Teil des Balkens] % der Personen die zweite Vorprüfung bestanden.'''
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*Der Anfängerjahrgang 2007 umfasst nur das Bestehen der ersten Vorprüfung zum frühestmöglichen Zeitpunkt, keine Repetenten oder später zur Prüfung antretende Personen. 2. Vorprüfungen waren noch gar nicht möglich.
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*Im Anfängerjahrgang 2006 konnten nur Personen die zweite Vorprüfung bestehen, wenn sie die minimal mögliche Studienzeit einhielten. Mindestens für die letzten beiden Jahre werden sich die Prozentsätze daher noch erhöhen. 
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* In den Universitäten ohne NC bestehen durch die steigende Nachfrage ohne Zulassungsbegrenzung immer mehr Personen die verschärften Prüfungen nach dem ersten Jahr nicht. Dies ist gewollt – zeigt aber auch, wie viel Ausbildungskapazität bzw. Lebenszeit der Studierenden nicht zielführend eingesetzt werden muss. Auch der Anteil der Personen, die die 2. Vorprüfung (noch) nicht bestanden haben, steigt für die letzten erfassten Jahrgänge. Dies deutet auf eine verlängerte Studienzeit hin.
  
 
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|width="25%" bgcolor="#d0d3da"|{{Centershot|Zulassungenabsolventen|Immatrikulations-und Absolventenzahlen}}<br>
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|width="25%" bgcolor="#d0d3da"|{{Centershot|Prueferfolg|Prüfungserfolg 1. und 2. Vorprüfung für Universitäten}}<br>
  
'''Beim Vergleich Zulassungen: Absolventen hat sich die "Schere" für die Unis mit NC geschlossen - die begrenzten Kapazitäten werden effektiver bewirtschaftet. Zu Universitäten ohne NC bleibt ein Unterschied.'''
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'''Mit NC werden die knappen Ausbildungsressourcen besser bewirtschaftet, es gibt weniger Abbrecher. Realistisch ist, dass mit NC 80-85% der Studienanfänger nach dem 2. Jahr noch studieren.'''
 
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Aktuelle Version vom 24. April 2013, 07:43 Uhr

Knappe Ausbildungsressourcen auch optimal bewirtschaften

Ist es wirklich so einfach: Mehr Ärztinnen und Ärzte = Abschaffung des Numerus clausus?

Was eine Zulassung ohne Numerus clausus bei stetig steigenden BewerberInnenzahlen in der Schweiz im Fach Medizin bewirkt, ist bestens bekannt: In der Westschweiz (Genf, Lausanne, Neuenburg) gibt es keinen NC – die steigenden Zahlen der letzten Jahre führen dort aber nicht zu mehr Absolvent/innen, sondern zu mehr Abbrüchen des Studiums. Abbrüche müssen sogar „gefördert“ werden: Um das Studium dort mit ausreichender Qualität anbieten zu können, erfolgen verschärfte Prüfungen nach dem ersten Jahr, die wie ein versteckter Numerus clausus wirken müssen. Man muss aber wissen, dass hinter jedem Abbruch in der Regel 2 mindestens vergeudete Semester stehen (mit Repetitionen ggf. mehr) – vergeudet für die Studierenden und die Universitäten hinsichtlich der Betreuungskapazität.

In den am NC beteiligten Universitäten Basel, Bern, Freiburg und Zürich war man seit der Einführung von Zulassungsbeschränkung in der Lage, durch verbesserte Betreuungsverhältnisse Studienreformen so durchzuführen, dass die Bestehensquoten für die Vorprüfungen deutlich angestiegen sind. Heute ist für die Universitäten mit NC eine Quote um 80% Realität (die Prognose der OBSAN-Studie rechnet mit 60%). In Basel und Bern studieren sogar über 90% der Anfänger/innen noch nach der 2. Vorprüfung. Auch in Genf wurden Studienreformen durchgeführt, welche sicher nicht ohne positiven Einfluss auf die Studienqualität geblieben sind. An der Notwendigkeit der verschärften inneruniversitären Selektion nach dem ersten Jahr konnte diese Tatsache aber nichts ändern.

Die Gesamtstrategie zur Erhöhung der Zahl medizinischer Grundversorger/innen muss an den richtigen Stellschrauben ansetzen und vor allem die nötigen Ausbildungskapazitäten schaffen (z.B. Klinik-kapazitäten), damit die Studierenden auch eine Chance haben, eine qualitativ ausreichende Ausbildung zu erhalten. Der NC ist dann ein Mittel der optimalen „Bewirtschaftung“ der vorhandenen Studienplätze für das teure Studium der Medizin. Die optimale Strategie müsste daher drei Faktoren berücksichtigen:

  1. Festlegung des Bedarfs an Ärztinnen und Ärzten
  2. Schaffung der dafür notwendigen Ausbildungskapazitäten, vor allem Klinikkapazität
  3. Entsprechende Zulassung Geeigneter, um vorhandene Kapazitäten optimal auszunutzen

Zur Abbildung rechts: Vom Anfängerjahrgang [Jahreszahl unter jedem Balken] der jeweiligen Universität haben bis Zwischenstand 2008 [gesamter Balken] % der Personen die erste Vorprüfung bestanden sowie [unterer Teil des Balkens] % der Personen die zweite Vorprüfung bestanden.

  • Der Anfängerjahrgang 2007 umfasst nur das Bestehen der ersten Vorprüfung zum frühestmöglichen Zeitpunkt, keine Repetenten oder später zur Prüfung antretende Personen. 2. Vorprüfungen waren noch gar nicht möglich.
  • Im Anfängerjahrgang 2006 konnten nur Personen die zweite Vorprüfung bestehen, wenn sie die minimal mögliche Studienzeit einhielten. Mindestens für die letzten beiden Jahre werden sich die Prozentsätze daher noch erhöhen.
  • In den Universitäten ohne NC bestehen durch die steigende Nachfrage ohne Zulassungsbegrenzung immer mehr Personen die verschärften Prüfungen nach dem ersten Jahr nicht. Dies ist gewollt – zeigt aber auch, wie viel Ausbildungskapazität bzw. Lebenszeit der Studierenden nicht zielführend eingesetzt werden muss. Auch der Anteil der Personen, die die 2. Vorprüfung (noch) nicht bestanden haben, steigt für die letzten erfassten Jahrgänge. Dies deutet auf eine verlängerte Studienzeit hin.
Prüfungserfolg 1. und 2. Vorprüfung für Universitäten - Zum Vergrössern anklicken


Mit NC werden die knappen Ausbildungsressourcen besser bewirtschaftet, es gibt weniger Abbrecher. Realistisch ist, dass mit NC 80-85% der Studienanfänger nach dem 2. Jahr noch studieren.

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